Ein Tag in Grün für den guten Zweck

Freunde des Fraenkelufers starten Mitzvah Day-Aktion für Flüchtlinge

Da staunten die Bewohner der Flüchtlingunterkunft in Wilmersdorf nicht schlecht: Fast 60 Menschen mit grünen T-Shirts, Wimpeln und Luftballons wuselten durch die weitläufigen Gänge des ehemaligen Rathausgebäudes. Bepackt mit Säcken und Kisten voller Spenden zog die Gruppe jüdischer Freiwilliger am 8. November für einen halben Tag in die Notunterkunft ein und sorgte dort ordentlich für Aufmerksamkeit. Der Anlass: Der alljährliche Mitzvah Day, der Tag der guten Taten, zu dem der Zentralrat der Juden rund um den 15. November eingeladen hatte. Das Team der Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg ist diesem Aufruf gern gefolgt, nachdem der Mitzvah Day auch schon im Vorjahr ein großer Erfolg war. Schnell war klar, dass die diesjährige Freiwilligenaktion Flüchtlingen zugutekommen sollte. Kurzerhand taten sich die Freunde des Fraenkelufers daher mit dem Neuköllner Gemeinschaftshaus Morus14 und dem jüdischen Familienzentrum Bambinim (JDC) zusammen.

Kick-off_Mitzvah Day_Dannel

Kick-off mit dem Mitzvah Day-Team. Foto: Hannah Dannel

Ungewohntes Terrain für die Freiwilligen
Dass sie mit dem Besuch einer Notunterkunft Neuland betraten, war ihnen durchaus bewusst – schließlich stammen die Bewohner der Unterkunft fast alle aus Ländern, die nicht gerade für ihre freundliche Haltung gegenüber Juden bekannt sind: Knapp 1000 Menschen sind derzeit dort untergebracht, davon etwa die Hälfte Syrer, der Rest aus Afghanistan, dem Iran – und täglich werden es mehr. Für das Team war dies jedoch eher ein Grund als ein Hindernis.

„Gerade weil ich aus Israel komme, war es mir wichtig, diese Aktion auf die Beine zu stellen“, erklärte Dekel, Koordinator des Betervereins Freunde des Fraenkelufers e.V. „Ich bin damit großgeworden, dass Syrien unser Feind ist – und den meisten Syrern geht es umgekehrt genauso. Jetzt leben wir im gleichen Land, und das sollten wir als Freunde tun. Wir wollen den Neuankömmlingen die Hand ausstrecken, um ihnen zu zeigen, dass wir gemeinsam mit ihnen hier etwas aufbauen wollen.“

glucroft_5560

Gute Zusammenarbeit: FdF und Morus14. Foto: William N. Glucroft

Auf der Suche nach einem friedlichen Leben
Hagar von Morus14 war gemeinsam mit teilweise arabischsprachigen Jugendlichen aus dem Neuköllner Gemeinschaftshaus zum Aktionstag gekommen. In ihrer täglichen Arbeit macht sie viele gute Erfahrungen mit Projekten, in denen Juden und Moslems zusammentreffen. Trotzdem kann sie die Ängste verstehen, die es teilweise in jüdischen Gemeinde gibt: „Man darf nicht ignorieren, dass es Antisemitismus und Konflikte mit den arabischen Ländern gibt. Aber was diese Menschen jetzt suchen“, fährt sie fort, „sind ein neues Zuhause, eine Schule, Frieden.“ Den Bewohnern der Unterkunft sei es egal, dass sie hebräisch spreche – wichtig sei, dass jemand ihnen helfe.

Im Mittelpunkt der Aktion standen daher die besonders hilfsbedürftigen Bewohner der Unterkunft: Die rund 270 Kinder. Speziell für sie hat Rachel von Bambinim ein buntes Programm zusammengestellt und viele freiwillige Helferinnen und Helfer zum Mitmachen motiviert. Und so konnten die Kinder wählen, ob sie lieber mit Nehama mit bunten Farben an einem Wandbild malen wollten, mit Amira kleine Schokobällchen rollen, von Neta geschminkt werden, mit Linda Spiele machen oder mit Rachel kreative Halsketten basteln. Im Innenhof konnten sie außerdem mit Ben, Doron und anderen Teammitgliedern Ball spielen.

glucroft_5497

Über die Feiertage wurden in der Synagoge Spenden gesammelt. Foto: William N. Glucroft

Einsatz in der Spendensortierung
Und nicht nur Bälle und Spielsachen hatten die Besucher mitgebracht, sondern auch viele andere nützliche Spenden: Seit den Hohen Feiertagen hatten die Beterinnen und Beter der Fraenkelufer Synagoge dort warme Kleidung, Decken und Kosmetikartikel gesammelt, die nun an die Flüchtlingsunterkunft abgegeben wurden. So hatten die Freiwilligen auch gleich die Möglichkeit, in die täglichen Aufgaben in der Unterkunft hineinzuschnuppern, die sonst von hunderten Ehrenamtlichen erledigt werden: Spenden annehmen, nach Art und Größe sortieren und schließlich an die Bewohner der Unterkunft verteilen.

Das Fazit vieler Teilnehmer war nach diesem ereignisreichen Tag dann auch: Es war sehr spannend, über den Aktionstag direkt mit den Geflüchteten in Kontakt zu kommen. Viele haben Neues über die Menschen gelernt, über die man sonst nur in den Medien hört. Und für viele wird es nicht das letzte Mal bleiben, dass sie sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren.

Auch Mitorganisatorin Rachel sieht das Zusammentreffen von Juden und Muslimen positiv: „Natürlich könnte ich als Jüdin Angst haben, wenn ich in ein Flüchtlingsheim voller Muslime komme. Aber Menschen auf diese Weise zusammenzubringen, löst viel mehr Probleme, als allein und ängstlich in der Ecke zu sitzen.“

Schließlich sagt sie noch: „Ich denke, wir geben den Menschen mit unserem Besuch Hoffnung.“

Advertisements