Das Wunder vom Fraenkelufer – Eine Kreuzberger Synagoge macht Lust auf Judentum

Am Fraenkelufer in Berlin-Kreuzberg steht seit fast hundert Jahren ein jüdisches Gebetshaus. Ob es bestehen bleibt, war lange Zeit unsicher. Doch nun blickt eine junge jüdische Initiative wieder positiv in die Zukunft.

Von Nina Peretz – veröffentlicht in der Jüdischen Rundschau am 2. April 2015

Auf den ersten Blick könnte man die Lage als bedrohlich empfinden. Nur fünf Gehminuten von der Kreuzberger Synagoge am Fraenkelufer entfernt beginnt der “Kotti”, eine Berliner Mischung aus sozialem Brennpunkt und Zentrum des Nachtlebens. Wenige Schritte in die entgegengesetzte Richtung führen zu der Straße, die im April 2014 Schlagzeilen gemacht hat, weil dort ein junger Israeli von arabischen Jugendlichen niedergeschlagen wurde. Einige hundert Meter weiter beginnt Neukölln, in den Medien regelmäßig als “No-Go-Area” für Kippa-Träger betitelt. Dazwischen liegt die Synagoge – umgeben von einem hohen Zaun, von Sicherheitskameras beobachtet, Tag und Nacht durch Polizei geschützt. Juden fühlen sich bedroht, dieser Eindruck muss bei Passanten entstehen, die sich dem Kreuzberger Gebetshaus nähern.

“Wir wurden gerettet lasst uns feiern!” Auch an diesem Mittwochabend Anfang März ist die Synagoge gut geschützt, die Polizei hat Unterstützung durch zusätzliches Sicherheitspersonal. Drin laufen die Vorbereitung für einen Feiertag, der sich passenderweise um die existenzielle Bedrohung des jüdischen Volkes dreht. Das Purim-Fest erinnert daran, wie Königin Esther vor zweineinhalbtausend Jahren in Persien ihr Volk vor dem machtbeflissenen Kanzler Haman rettete. Die Geschichte Esthers wird einmal im Jahr zu Purim laut in der Synagoge gelesen, so auch am Fraenkelufer. Und wie an vielen Orten ist dies der Anlass für eine ausgelassene Feier. Kurz vor Gebetsbeginn wird es voll in der Synagoge. Purim feiern ist beliebt, vor allem bei jüngeren Menschen – auch weil es zu den religiösen Geboten des Feiertags gehört, sich zu verkleiden und zu betrinken. Und so sitzen auf den Bänken der Synagoge kleine Superhelden und Prinzessinnen, ein Rotkäppchen im Dirndel zusammen mit einem grausig bemalten Wolf, ein Einhorn, ein Seemann und viele andere bunte Gestalten, die man an diesem Ort des Gebets nicht erwartet hätte. Selbst der Rabbiner, der später vorn auf dem Podium den Gottesdienst leiten wird, trägt einen falschen Bart und eine riesige Brille.

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Purim am Fraenkelufer. Foto: W. Glucroft

Als Jude in Berlin? Fast ein Wunder. Noch etwas passt nicht ganz ins Bild eines Gebetshauses: Ein Kamerateam filmt die Vorbereitungen im Gemeinderaum, wo einige Frauen gerade ein Festtagsbuffet für die Gäste aufbauen. Dann richtet sich die Kamera auf einen jungen Mann und begleitet ihn dabei, wie er seine Alltagskleidung ablegt und sich in den “Hebrew Hammer” verwandelt, eine kultige Filmfigur mit schwarzer Sonnenbrille und dicken Goldketten. Die Verkleidung gehört für den 29-jährigen William Glucroft zum Feiertag dazu, genau wie die anderen Feiertagsbräuche und -gebote: Spenden und Geschenke verteilen, die Geschichte Esthers lesen, ein Festmahl genießen, bei dem auch reichlich Alkohol fließt. Der Beitrag soll am Tag darauf in einem Fernsehmagazin gesendet werden und den Zuschauern einen Eindruck von einem jüdischen Fest geben. “Das ist mein liebster Feiertag!”, sagt William gut gelaunt in die Kamera und dann etwas ernster: “Die Gemeinschaft hier in der Synagoge am Fraenkelufer ist mir sehr wichtig. Ich weiß: Dass ich heute als Jude in Berlin feiern kann, ist eigentlich ein Wunder!”

Auch dass es am Fraenkelufer am Purim-Fest so laut und wild zugeht, grenzt an ein Wunder. Vor wenigen Jahren war die kleine Synagoge in Kreuzberg noch weit davon entfernt, ein Zentrum jungen jüdischen Lebens zu sein. Neben den größeren und bekannten Synagogen in Berlin blieb das Fraenkelufer lange Zeit unauffällig. Der Altersdurchschnitt der Beter war so hoch, dass einige daran zweifelten, ob das 1916 eingeweihte Gebetshaus seinen hundertsten Geburtstag als aktives Gemeindezentrum erleben würde. Vor allem die jüngeren Beter am Fraenkelufer merkten, dass sie etwas unternehmen mussten, wenn ihre Synagoge nicht langsam in Vergessenheit geraten sollte.

Potenzial im Kiez Und dann kam “Kreuzkölln”: Die Gegend mit ihren unsanierten Altbauten, in denen lange Zeit niemand wohnen wollte, der es sich anderswo leisten konnte, wurde zum Szenebezirk. Mit den Künstlern, den Bars und den Yogastudios kamen auch jüdische Neu-Berliner – aus Israel, den USA und anderswo. Was lag also näher, als das Potenzial zu nutzen, das im direkten Umfeld der Synagoge schlummerte: Junge Juden aus aller Welt, mit den unterschiedlichsten Hintergründen: Religiös und unreligiös, Singles und Familien, Künstler und Startup-Gründer. Eine Einladung zum Shabbat-Abendessen im November 2012 war der Anfang, eine Facebook-Gruppe und eine selbstgestrickte Webseite der nächste Schritt, und nur wenig später war das Fraenkelufer in aller Munde.

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Die Synagoge am Ufer. Foto: W. Glucroft

Vormals vor den Blicken der Öffentlichkeit abgeschottet, wurde das Kreuzberger Gebetshaus attraktiv für Menschen, die sonst niemals einen Fuß in eine Synagoge gesetzt hätten. Ein Wandel, der neue Herausforderungen mit sich brachte. “Junge Menschen aus den verschiedensten Ländern mit der in die Jahre gekommenen Beterschaft zusammenzubringen – auch noch in einer traditionell-konservativen Synagoge – das ist schon eine spannende Aufgabe”, sagt Jonathan Marcus. Die Familie des Ur-Berliners betet schon seit vier Generationen am Fraenkelufer und hat im Lauf der Jahrzehnte miterlebt, wie sich das Umfeld der Synagoge immer wieder gewandelt hat. Jonathan ist Mitbegründer der Beterinitiative “Freunde des Fraenkelufers”, die die aktuellen Veränderungen auf den Weg gebracht hat. Die hundertjährige Tradition des Gebetshauses ist ihm wichtig. Trotzdem lässt er den Ausspruch “Das haben wir doch schon immer so gemacht” nicht als Argument gegen Wandel gelten, im Gegenteil: “Veränderung ist in der Synagoge Fraenkelufer schon immer von den Beterinnen und Betern ausgegangen. Wichtig ist, dass dabei nichts überstürzt wird und dass auf die Interessen möglichst vieler Rücksicht genommen wird.” Gespräche und Diskussionen gehören deshalb schon fast schon so zum wöchentlichen Ritual wie das Gebet am Shabbat.

Essen für die Beter – und die Polizei Viel diskutiert wird auch über die Frage, wie viel Schutz die kleine jüdische Einrichtung am Kanal zwischen Kreuzberg und Neukölln benötigt. Im religiösen Alltag gehören die Sicherheitsmaßnahmen für die Beterinnen und Beter zum Normalzustand. Die Polizisten und privaten Wachleute werden freundlich gegrüßt und bei Veranstaltungen auch mal mit Essen und warmen Getränken versorgt. Aufregend wird es immer dann, wenn neue Gesichter ins Fraenkelufer kommen, zum Beispiel als die Freunde des Fraenkelufers im vergangenen Winter einen gemeinsam Workshop mit der Salaam-Schalom Initiative in der Synagoge veranstalteten. Fast vierzig Teilnehmer – Juden, Muslime und Nicht-Religiöse – kamen dazu ans Fraenkelufer, um mit dem Rabbinerstudenten Armin Langer religiöse Quellen zu analysieren. “Wie koscher sind Muslime?” hatte der Initiator von Salaam-Schalom den Workshop betitelt und damit großes Interesse hervorgerufen.

Junge Juden und Muslimen, die anhand von Talmud- und Thora-Texten und rabbinischen Abhandlungen über ihre Beziehung nachdenken, das war neu. Aktuelle Konflikte, sei es im Nahen Osten oder im Kiez um die Ecke, sollten bei den Diskussionen keine Rolle spielen. Zugleich berührte der Workshop natürlich Themen der Gegenwart und des Alltags. “Wie macht ihr das denn bei euch?”, “Wie betet ihr?”, oder “Wie ist das denn mit den Speiseregeln?”  Über solche Fragen kamen die Teilnehmer sich näher, lernte sich kennen, bauten Berührungsängste ab.  “Ich wohne schon seit meiner Geburt direkt um die Ecke, und habe die Synagoge immer nur von außen gesehen”, äußerte sich eine der muslimischen Teilnehmerinnen nach dem Workshop. Die Einladung zu “Wie koscher sind Muslime?” hat ihr zum ersten Mal die Türen zum jüdischen Gebetshaus geöffnet. Im Dezember gab es den Gegenbesuch in der Neuköllner Şehitlik-Moschee unter dem Motto “Wie halal sind Juden”. Für viele Teilnehmer war es das erste Mal, dass sie die prunkvolle Moschee am Columbiadamm betraten. Der nächste Austausch ist für Ende Mai geplant: Dann laden Salaam-Schalom und die Freunde des Fraenkelufers zu “Wie koscher sind Muslime – Teil 2” in die Synagoge ein.

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Jüdisch-muslimische Annäherung. Foto: W. Glucroft

Nicht hinter verschlossenen Türen agieren “Wir wollen gut mit unseren Nachbarn zusammenleben”, fasst William Glucroft, der ebenfalls mit den “Freunden des Fraenkelufers” aktiv ist, den Grundgedanken zusammen. “Dazu gehört selbstverständlich, dass man sich mit ihnen austauscht und sie auch ins eigene Haus einlädt.” Das ist auch ein Grund, warum engagierte Beter fast jede Woche ehrenamtlich Schülergruppen von überall her durch die Synagoge führen. Oder warum interessierte Gäste nach voriger Anmeldung auch an einem Shabbatgebet teilnehmen können. “Indem wir uns öffnen, zeigen wir der Außenwelt, dass in unseren Räumen nichts ‘Geheimnisvolles’ stattfindet”, ergänzt Michael Joachim. Der ehemalige Synagogenvorstand weiß, dass man den Menschen nur die Angst vor dem Fremden nehmen kann, indem man es etwas weniger fremd macht. Deshalb unterstützt er es auch, dass die Betergemeinschaft sich an den religiösen Begegnungstagen in Kreuzberg beteiligt und sich an einem weltweiten jüdischen Freiwilligentag für soziale Einrichtungen im Kiez engagiert.

Auch wenn jede Aktivität am Fraenkelufer unter den strengen Augen der Sicherheitsleute erfolgt. Was für die Beter längst Gewohnheit ist, sorgt bei anderen noch für Irritation. Ob die Wachleute denn vor der Tür stünden, weil es Frankreich Angriffe auf jüdische Einrichtungen gegeben habe, fragt eine französische Touristin, die mit ihrem Mann das Samstagsgebet besucht. Und reagiert erstaunt, als man ihr erklärt, das sei schon seit einem Vierteljahrhundert so. Die Gäste des Purim-Fests haben Polizei und Sicherheit längst vergessen. Im Gebetsraum lärmt und tobt es: Jedes Mal, wenn in der Erzählung Esthers der Name Haman fällt, wird gerasselt, geklopft und gejohlt, um den Namen des Feindes zu übertönen. Danach, so das religiöse Gebot, soll man so ausgelassen feiern, dass man nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Eine Aufforderung, alte Feindbilder über Bord zu werfen? Vielleicht.