Ein Hallelujah für Zürich – Rückblick auf Teil 1 des „Next Step“-Programms

Jung –  jüdisch –  engagiert: Das sind die Kriterien, die alle Teilnehmer des Programms „Next Step” gemeinsam haben. Der Gedanke: Je zehn junge Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen zu einem dreitägigen Seminar zusammen und lernen, was es bedeutet, eine Führungsposition in einer jüdischen Organisation zu haben. Wobei das Lernen auf keinen Fall im klassischen Sinn zu verstehen ist, sondern vielmehr auch als voneinander Lernen durch den Austausch und die Vernetzung mit Aktiven in anderen Gemeinden.

Aktiv in Kreuzberg
Ich habe mich mit der Initiative „Freunde des Fraenkelufers” beim Programm beworben, weil ich mir Anregungen und Lösungen für unsere Community-Arbeit in Berlin-Kreuzberg erhofft habe. Dort arbeiten wir seit bald drei Jahren daran, das hundertjährige Gebetshaus mit Leben zu füllen. Begonnen haben wir mit Kiddushim zum Shabbatabend, dann kamen die größeren Veranstaltungen zu den Feiertagen, 2014 haben wir den wöchentlichen Shiur Shabbat gestartet. Die Arbeit mach riesigen Spaß, ist aber auch sehr herausfordernd, da alle im Team völlig ehrenamtlich tätig sind.

Fraenkelufer

Die Ausschreibung hat mich nur zufällig erreicht, und ihr könnt euch vorstellen, wie sehr ich mich über die Zusage des Zentralrats der Juden gefreut habe. Der Zentralrat, genauer gesagt Jonathan Walter, ist in Deutschland für das Programm Next Step verantwortlich. Ich habe ihn schon am Flughafen in Berlin kennengelernt, weil wir zusammen angereist sind. Auch mit von der Partie: Nadine, die einzige deutsche Teilnehmerin, die ich schon vor dem Wochenende kannte. Ansonsten erwarteten mich in Zürich nur neue Gesichter –  ein lustiges Namens-Chaos war also garantiert.

Erst Schokolade – dann: raus aus der Comfort Zone!
Im Hotel wurden wir vom freundlichen „Team Schweiz” und einer Platte Bagels empfangen. Hier kann ich schon vorwegnehmen, dass die Schweizer ihre nationale Wunderwaffe sehr gut einzusetzen wussten: In den zentralen Momenten –  ganz am Anfang als Ice-Breaker, bei der Stadführung, als die Füße kalt und feucht waren, und am Schluss zum Abschied –  wurde sie gezückt, die gute Schweizer Schoggi. Wahlweise heiß in der Tasse, oder verpackt in Glitzerpapier. Aber natürlich waren wir nicht zum Essen da, sondern mussten uns die Leckerei erst einmal erarbeiten…

„Ich hol euch aus eurer Comfort Zone raus!”, rief Trainer und Seminarleiter Daniel Neubauer zu Beginn des Seminars vielversprechend. Und legte auch gleich los: Statt eines gemütlichen Kennenlernspiels hatten wir erst genau eine Minute Zeit, um uns selbst einer Person vorzustellen, die wir bis dato noch nicht kannten. Und diese Person musste uns anschließend allen anderen vorstellen –  in eigenen Worten, und in maximal einer Minute. Ein schweißtreibender Start, der sicherlich der Gruppe der „E”s leichter gefallen ist als den „I”. Mehr über diese Einstufung erfuhren wir beim nächsten Programmpunkt, der Charakterisierung nach dem Myers-Briggs Typenindikator. Mit Hilfe einfacher Fragen wie „Was siehst du auf diesem Bild?” durften wir uns selbst analysieren und zum Beispiel der Gruppe der Extrovertierten („E”) oder der Introvertierten („I”) zuordnen. Nach dieser Übung waren die meisten Teilnehmer etwas schlauer, was die Leitfrage dieses Nachmittags betraf: „Wer bin ich?” Außerdem sollte es im Lauf des Wochenendes noch um drei weitere Fragen gehen: „Wie führe ich?”, „Wie wirke ich?” und „Wie helfe ich?”.

Dr. Daniel Neubauer

Einheit und Vielfalt – Gemeinde und Synagoge
Für den nachfolgenden Programmpunkt „Vorbereitung für Shabbat” hatten wir nur eine knappe halbe Stunde Zeit, dann ging es schon los ins ICZ. Dort erwartete uns nicht nur Mincha und Kabbalat Shabbat, sondern auch ein festliches Shabbat-Abendessen mit gemütlichem Beisammensein im Restaurant „Olive Garden”. Mit viel Zeit für Austausch und Diskussion. „Nutzt die Chance, dieses Wochenende neue Leute kennenzulernen!”, hatte Daniel uns am Mittag aufgefordert. „Geht doch mal zu jemandem, mit dem ihr noch nicht gesprochen habt. Fragt ihn über seine Arbeit, seine Projekte.” Das war bei 28 mir unbekannten Teilnehmern keine Herausforderung, eigentlich war jede Geschichte neu und aufregend. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass in Wien die verschiedensten jüdischen Strömungen ebenfalls in einer Einheitsgemeinde organisiert sind, dass dies aber –  im Gegensatz zu anderen Orten –  recht gut funktioniert. Obwohl es wie bei uns Herausforderungen beim Nachwuchs, bei der Jugendarbeit gibt. In Zürich gibt es auch eine Einheitsgemeinde, aber die Orthodoxen haben ihre eigene Gemeinde. Und in Bern ist „Gemeinde” gleichzusetzen mit „Synagoge”, denn es gibt genau eine davon. Dort findet neben rein jüdischen Veranstaltungen auch jüdisch-muslimischer Dialog statt, inklusive Führungen durch die Synagoge.

Gut Shabbes

Der Leader, ein Geschichtenerzähler?
Am Samstagmorgen ging es dann weiter mit einer Diskussion über verschiedene Leadership-Konzepte. Von „Example is leadership” (Albert Schweitzer) über „If you can dream it you can do it” (Walt Disney) gelangten wir bald zu einer Idee, mit der wir uns gut anfreunden konnten: „Leadership is the ability to create a story that affects the thoughts, feelings and actions of other individuals.” (Howard Gardner). Geschichten erzählen, um andere von einer Idee zu begeistern, das klingt nach Spaß! Dachte ich. Bis wir bei der nächsten Übung genau dies ausprobieren durften: In drei Minuten sollten wir einer Gruppe aus zehn Zuhörern die Vision für unsere Gemeindearbeit präsentieren –  und dabei möglichst überzeugend auftreten. Ich habe mich gleich als erste gemeldet, um hinterher ganz entspannt den anderen Präsentationen lauschen zu können. Zum Glück habe ich die Vision fürs Fraenkelufer als aktives Zentrum jüdischen Lebens und als jüdisches Zuhause in Kreuzberg schon so oft erzählt, dass die Rückmeldung der Gruppe ganz in Ordnung war. Konstruktives und hilfreiches Feedback zu geben, gehörte nämlich genauso zur Übung wie die Präsentation.

Nach diesem herausfordernden Seminartag in den Räumen des Gemeindezentrums ging es an die frische Luft, zur Walking-Tour durch die schöne Stadt Zürich. Hier kam uns zugute, dass Jonathan Schoppig, Organisator des Next Step-Programms in der Schweiz, nebenbei auch noch als Stadtführer aktiv ist. So konnte er nicht nur Anekdoten über den Züricher Trinkwasser-Cocktail und einen misslungenen Handtaschen-Kauf von Oprah Winfrey zum Besten geben, sondern uns auch einen Sitzplatz in einem überfüllten Café beschaffen, wo wir gratis mit besagter heißer Schokolade versorgt wurden! Kol haKavod Jonathan, den Nieselregen haben wir danach wirklich kaum noch gespürt.

Danach ging es auch schon los zum Abendprogramm, das im milchig-koscheren Restaurant „Fein & Schein” begann. Nach Falafel, Salaten, Pizza und Pasta –  und natürlich Hawdalah –  wurden wir in eine weitere Spezialität von Jonathan und seinem Kollegen Michel eingeweiht: Den berühmt-berüchtigten Züricher Pub Crawl –  uns Berlinern bekannt als Partyvergnügen für spanische und britische Touristenhorden. Natürlich haben wir uns im Gegensatz dazu ganz höflich und rücksichtsvoll durchs Züricher Nachtleben bewegt…Der Abend endete mit einem feierlichen „Hallelujah!”, das lautstark in die Mikros der Karaokemaschine geschmettert wurde.

Mit Coaching-Fragen zum Ziel
„Wie helfe ich?” war die letzte Frage, der wir uns am Sonntag zusammen mit Trainer Daniel Neubauer widmeten. Dieser Teil hat mich eigentlich am meisten begeistert, denn es ging um das Thema Coaching. Zwar habe ich mich selbst schon coachen lassen, aber bis jetzt habe ich noch nie einen anderen gezielt gecoacht. Umso spannender war es, auf die Schnelle zu lernen, wie man sein Gegenüber mit ganz konkreten Fragen aus der Reserve lockt und ihn dabei begleitet, den richtigen Weg zu seinem Ziel zu finden. Die Herausforderung lag darin, dabei die persönliche Meinung ganz außen vor zu lassen, keine Ratschläge zu geben, sondern einfach die richtigen Coaching-Fragen zu stellen. Bei mir und Daphne aus Wien lief die Partnerübung ganz prima und wir sind beide mindestens einen Schritt weitergekommen. Beide haben wir konkrete Ideen mit nach Hause genommen, was wir als nächstes in unseren Gemeinden zuhause umsetzen wollen. Eine wirklich motivierende und hilfreiche Methode, mit der ich mich gern etwas mehr beschäftigen möchte.

Coaching-Zyklus

Noch ein gemeinsames Abschiedsfoto und etwas Schokolade als Wegzehrung, dann war es auch schon Zeit für die Verabschiedung. Zum Glück sehen wir uns schon im Juli alle in Berlin wieder!

Ich bin wirklich froh, dass ich durch das Next Step-Programm die Möglichkeit habe, so viele inspirierende Menschen kennenzulernen –  Danke dafür an SIG, Zentralrat und IKG! Es war außerdem ein schönes Zeichen, dass Jonathan Kreutner vom Schweizerischer-Israelitischer Gemeindebund (SIG) und Daniel Botmann vom Zentralrat der Juden in Deutschland bei allen Programmpunkten dabei waren. Das Wochenende war nicht nur toll organisiert und hat großen Spaß gemacht, es hat mich auch wieder neu motiviert. Mich für die eigene Community zu engagieren, sie mit einem tollen Team gemeinsam zu gestalten und selbst etwas auf die Beine zu stellen –  das ist für mich der richtige Weg, mein Judentum zu leben.

Gruppenfoto Next Step

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