Das war der Mitzvah Day im Fraenkelufer – Lernen, Handeln und in die Zukunft blicken

Zugegeben, besonders einladend ist es nicht, an diesem grauen Herbstvormittag das Haus zu verlassen. Trotzdem haben sich um kurz nach elf Uhr fast 40 Personen in der Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer eingefunden. Und wer es bis dorthin geschafft hat, wird fürs Rausgehen belohnt: Der Kiddusch-Raum strahlt in frühlingshaftem Grün, Luftballons, Flyer und Girlanden mit dem buntem Logo des Mitzvah Days schmücken den Raum, und freiwillige Helfer in grünen Shirts haben die Tische mit Croissants, frischen Brötchen und Obstplatten gedeckt. Die richtige Stimmung für einen gelungenen Start in den „Mitzvah Day – Lernen, Handeln und in die Zukunft blicken”, zu dem die Beterinitiative „Freunde des Fraenkelufers“ eingeladen hat.
Mit ihrer Aktion sind sie nicht allein: In 20 Ländern weltweit spenden am Mitzvah Day jüdische Organisationen ihre Zeit, um Gutes zu tun – ganz im Sinne des Tikkun Olam, des gemeinsamen Einsatzes für eine bessere Welt. In Deutschland beteiligen sich inzwischen rund 20 Städte mit vielfältigen Projekten am Mitzvah Day.

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Der Kiddush-Raum im Mitzvah-Grün. Foto: William Glucroft

Vielfalt ist auch ein Motto, für das die Synagoge Fraenkelufer steht. Dort sind nicht nur verschiedene Sprachen und Nationalitäten vertreten, sondern auch alle Altersgruppen: Die Jüngste im Raum, die kleine Louisa, ist noch nicht einmal drei Monate alt. Deutlich mehr Lebenserfahrung bringt da Rabbiner Tovia Ben-Chorin mit, der – ebenfalls im grünen Mitzvah Day-Shirt – am Kopf des Tischs sitzt. Beide sind sie gern gesehene Gäste im Fraenklufer, und beide sind Protagonisten des Kurzfilms „Friends of Fraenkelufer – Freunde des Fraenkelufers”, den die gleichnamige Initiative gedreht hat und den sich alle zum Auftakt der Veranstaltung gemeinsam anschauen. „Ich könnte mir eigentlich Berlin ohne die Synagoge Fraenkelufer nicht vorstellen”, sagt Benno Bleiberg, ehemaliger Gabbai des Gebetshauses, im Film. Nicht wenigen Anwesenden geht es ähnlich, das ist an der Stimmung im Raum deutlich spürbar.

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Gegenwart und Zukunft des Fraenkelufers. Foto: William Glucroft

Lernen: als Mitzvah und zum Vergnügen
Für die besondere Atmosphäre sorgt auch Rabbiner Tovia Ben-Chorin, der die Teilnehmer mit einem Vortrag auf die geplanten Aktivitäten am Mitzvah Day einstimmt. Gleich zu Beginn punktet er mit Spontaneität: Zwei Gäste am Tisch sprechen kein Deutsch und brauchen Übersetzung. „Ist Englisch für alle in Ordnung?” ruft Ben-Chorin in den Raum – um dann seinen Vortrag kurzerhand in fließendem Englisch fortzusetzen.

Ist eine gute Tat gegenüber einem Nicht-Juden überhaupt eine Mitzvah im religiösen Sinne? Um diese Frage mit den Teilnehmern des Freiwilligentages zu diskutieren, ist der Rabbiner heute ins Fraenkelufer gekommen. „Natürlich ist sie das!“ Sein Fazit nimmt Ben-Chorin gleich vorweg, um mit der Lerngruppe dann einzelne Textstellen durchzugehen – von Bibelquellen über jüdisch-hellenistische Literatur bis hin zu Talmudischen Schriften. „Wenn ein Fremder in eurem Lande weilt, so sollt ihr ihn nicht kränken“, liest ein Teilnehmer laut aus Levitikus 19 vor, „und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ Schon in der Bibel gebe es also Hinweise darauf, dass Nächstenliebe auch auf Angehörige anderer Volksgruppen auszuweiten sei, so Ben-Chorin. Noch weiter geht der Talmud, der sagt, man solle „mipne darke shalom“ – um der Eintracht willen – die Kranken und Armen der Heiden ebenso versorgen und pflegen wie die der Israeliten. Mit den Worten „Was ihr heute vorhabt, ist also eine große Mitzvah!“ entlässt der Rabbiner seine Zuhörer schließlich in den Tag.

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Lernen darf auch Spaß machen. Foto: William Glucroft

Handeln: Anpacken im Kiez
Gesagt, getan: Nach dem Vortrag wird es Zeit, zum Einsatzort in Neukölln aufzubrechen. Vorher packen alle noch schnell mit an, räumen auf und wischen Tische, so dass der Kiddusch-Raum schon nach kurzer Zeit wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt ist. Die grasgrüne Girlande und ein paar Luftballons werden vom Zimmerschmuck zur Fahrraddekoration, und so bewegt sich der Trupp in bester Mitzvah-Stimmung in Richtung Bürgerzentrum Neukölln. Das gemeinnützige Zentrum mit Freizeit- und Gesundheitsangeboten für ältere Menschen und für Familien liegt im sozial schwachen Rollbergviertel, einem Kiez, der mit dem schicken Nordneukölln kaum etwas gemeinsam hat. Genau der richtige Ort, um sich am „Tag der guten Taten” für Mitbürger einzusetzen. In einem Gruppenraum im Untergeschoss blättert die Farbe ab – kein Problem für das 20-köpfige Mitzvah-Team des Fraenkelufers, das inzwischen auch durch Madrichim von haShomer haTzair unterstützt wird: In weniger als einer Stunde strahlt der Raum fast wieder wie neu. Und weil es noch freie Helfer-Hände gibt, schnappen die sich spontan Besen, Handschuhe und Putzeimer und machen sich auf in den Vorgarten, um ihn von Herbstlaub und Schmutz zu befreien. Sogar der dreijährige Yehonathan greift sich einen Mini-Laubrechen und hilft fleißig beim Saubermachen. Wenngleich es zwischendurch eher nach Freizeitvergnügen als nach harter Arbeit aussieht: Das Resultat kann sich sehen lassen. „Dafür hätte unser Ehrenamtlicher alleine einen ganzen Tag gebraucht!”, sagt Marina Friedenberger, die Leiterin des Bürgerzentrums. Als für das Abschlussfoto alle „Mitzvaaaah” rufen, lächelt sie mit der Gruppe um die Wette.

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Vorsicht, frisch gestrichen! Foto: Zentralrat der Juden

In die Zukunft blicken: Ehrenamt im Rollberg-Viertel
Nur wenige Meter vom der Einrichtung entfernt, auf der anderen Straßenseite, liegt das Jugendzentrum Morus14. Dort sind die Freunde des Fraenkelufers mit dem Einrichtungsleiter Gilles Duhem und der freiwilligen Koordinatorin Hagar Levin verabredet. Von ihnen wollen sie erfahren, wie nachhaltiges ehrenamtliches Engagement aussehen kann und wie sich auch Synagogenbesucher in einen Stadtteil einbringen können, der durch ein muslimisches Umfeld geprägt ist. Gilles und Hagar erwarten die Gruppe bereits – der Franzose und die Israelin setzen sich aktiv für Bildung und Aufklärung im Rollbergkiez ein. Oder wie Gilles es zu Beginn seines Vortrags ausdrückt: „Eine Jüdin und ein Schwuler – auf den Schulhöfen hier in der Gegend wird das beides als Schimpfwort gerufen.” Sein Ton klingt scherzhaft, doch es ist deutlich zu spüren, dass die Arbeit mit den Jugendlichen und ihren Familien alles andere als einfach ist. Und obwohl das Mitzvah-Team schon seit Stunden im Einsatz ist, lauschen alle gebannt, wie Gilles von der Entwicklung des Rollbergviertels und von seinen Erfahrungen im Jugendzentrum erzählt.

Auch Hagar berichtet von ihren Erlebnissen. Wie die muslimischen Kinder am Anfang gar nicht begreifen konnten, dass sie Jüdin ist – und trotzdem nett sein kann! Wie die Mütter und Tanten beim gemeinsamen Frühstück im Zentrum zuerst kein einziges Wort mit der Israelin wechseln wollten – bis sie eines Tages ihre eigene Mutter mitbrachte, die zu Besuch in Berlin war. „Da haben sie plötzlich gesehen: Hagar ist auch ein Mensch! Hagar hat auch Familie!”, sagt Gilles. Um mit den Kindern und Jugendlichen warm zu werden, um mit ihnen zu arbeiten und sie als Schülerhelfer im Alltag zu begleiten, braucht es viel Geduld, das wird im Lauf des Gesprächs deutlich. „Wir brauchen hier dringen Unterstützung durch Ehrenamtliche”, sagt Hagar. „Aber ihr müsst euch gut überlegen, ob so eine Arbeit in euren Zeitplan passt”, ergänzt Gilles. Denn als Schülerhelfer im Morus14 muss man zuverlässig mindestens einmal die Woche zur Verfügung stehen.

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Gilles, Hagar und Josh berichten von Morus14. Foto: William Glucroft

Toleranz: „Politisch inkorrekt” gilt nicht
Großes Interesse zeigen die Teilnehmer auch am Projekt „Schalom Rollberg”, in dem es um Toleranz und Begegnung zwischen den Kulturen geht. Zum Beispiel, indem man einen Juden einfach mal Dinge fragen darf, die normalerweise als „politisch inkorrekt” gelten. „Hier gibt es keine Tabus”, diese Erfahrung macht auch der britische Israeli Josh Weiner. Josh, der auch regelmäßig das Fraenkelufer besucht, ist seit einiger Zeit ehrenamtlich als Englischlehrer im Jugendzentrum aktiv. „Die Sprache dient als Brücke zwischen mir und den Jugendlichen – ich bringe ihnen Englisch bei, aber wir sprechen auch über Religion, Glaube, Kultur”, berichtet er. „Außerdem merken die Kinder, wie wichtig es ist, in der Schule eine Fremdsprache zu lernen. Ich spreche mit ihnen ganz konsequent nur in meiner Sprache. Sie können mich alles fragen, was sie wollen, aber eben nur auf Englisch.” Bessere Schulnoten sind also nicht das direkte Ziel dieser Schülerhilfe der etwas anderen Art. Bei der Arbeit mit den Jugendlichen geht es eher um Werte, um den Abbau von Vorurteilen und darum, dass Vielfalt als Bereicherung statt als Störfaktor gesehen wird.

Kein leichter Weg, den das Team von Morus14 da beschreitet. Aber ein gemeinsames Ziel mit optimistischem Blick in die Zukunft. Und ein runder Abschluss für einen gelungenen Mitzvah-Tag mit echtem Gemeinschaftsgefühl.

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Nach getaner Arbeit. Foto: Zentralrat der Juden

 

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